Mt. Everest Treppenmarathon – Extremsport auf der Spitzhaustreppe

Im tiefsten Sachsen bestiegen wir über 79.400 Treppenstufen den höchsten Berg der Welt! Zugegebenermaßen ist das eine ziemlich krasse Behauptung, aber alles der Reihe nach: Wir haben als Dreierseilschaft am Sächsischen Mount Everest Treppenmarathon teilgenommen, einem Extremlauf, bei dem man in einem der Wettbewerbe seine Kräfte an der Spitzhaustreppe in Radebeul messen kann. Es geht darum, mindestens 100 Runden als Einzelstarter oder in einem Team zurückzulegen. Dann sind 8848 Höhenmeter und damit die Höhe des Mt. Everest erreicht.

Das Spitzhaus auf dem Weinberg der Lößnitz

Unser Team, das waren mein langjähriger Trailrunning-Partner Mario, sein Schwager Mirko und ich. In dieser Konstellation hatten wir bereits 2015 die Salomon 4Trails gefinisht und dabei eine grandiose Zeit in den Alpen verbracht.

Die Vorbereitung auf das Event ist uns nicht leicht gefallen. Wir haben frühzeitig in München versucht durch Treppentraining diese spezielle Belastung zu simulieren, mussten jedoch feststellen dass das fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ebenfalls schwierig viel uns die Auswahl der Klamotten, da unser Start im Wettbewerb um Mitternacht erfolgte und wir bis um die Mittagszeit unterwegs sein würden.

Im Stile einer echten Expedition haben wir das Basislager fürstlich ausgestattet. Neben Klamottenbergen, Ersatzschuhen, jeder Menge Snacks und Magnesium hatten wir auch ein Rennrad mit einer festen Rolle dabei. Damit haben wir wie Profils ausgesehen! Die Idee mit dem Fahrrad kam von Mirko, der bereits vor 12 Jahren den ersten Treppenmarathon in einer Dreierseilschaft erfolgreich gemeistert hat. Statt ausruhen zwischen den zu laufenden Runden war also Fleiß auf der Rolle angesagt. Ob dieser Plan wohl aufging?

Durch den Fahrrad Transport und eine damit verbundene, kleine Irrfahrt haben wir den Start der Einzelläufer um 16 Uhr knapp verpasst. Das sind wirklich harte Hunde und beim Gedanken daran, die Spitzhaustreppe 100 Mal hinunter und wieder hinauf zu rennen juckt es mir zwar schon etwas in den Füßen – aber 100 Runden alleine! Das ist so verdammt lang!

Nachdem wir mit einer Mischung aus Begeisterung, Vorfreude und Ehrfurcht den Einzelstartern noch eine Weile zugeschaut hatten, machten wir uns auf den Weg zurück in unsere Unterkunft.

Glücklicherweise wurde uns gegen 22 Uhr der Weg hinauf zum Startbereich am Spitzhaus durch ein Shuttle des Veranstalters abgenommen und wir konnten entspannt das Basislager beziehen. Die anderen Seilschaften trudelten ebenfalls ein und um 23 Uhr erhielten wir das Streckenbriefing, bei dem im Anschluss jedes Team persönlich aufgerufen wurden, um unter dem Beifall der anderen Teilnehmer seine Startunterlagen entgegen zu nehmen. So etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Das macht den besonderen Charme des Treppenmarathon aus und ihn zu einer sehr familiären Veranstaltung. Sonst ist der Anmeldeprozess bei einem Wettkampf immer ein wenig wie auf dem Amt – lästiger Papierkram. Hier hatte das richtig Atmosphäre!

Sekunden vor Mitternacht – gleich gehen die Dreierseilschaften ins Rennen. Foto: Cornelia Wehner

Unsere Strategie war es, nach jeder Runde den Läufer zu wechseln. Mario machte den Anfang, danach war ich dran und Mirco ging jeweils als Dritter Läufer an den Start. Auf meiner ersten Runde hatte ich mich wegen der Kälte noch für eine Jacke entschieden. Beim hinunter fliegen hat das durchaus Sinn gemacht. Es war kurz nach Mitternacht, kalt und ziemlich windig. Aber als ich dann die Treppe wieder hinauf musste, ist mir schon beim ersten Mal der Schweiss herunter gelaufen. Danach wollte ich die Jacke nur noch bei Regen tragen.

Mirco auf der „Rolle“ im Wechselzelt. Foto: Cornelia Wehner

Jeder Wechsel war spannend. Wir versuchten keine wertvollen Sekunden zu verlieren und haben uns immer rechtzeitig an den Start gestellt. Die Treppe war sehr gut beleuchtet, so dass wir die Nacht hindurch ohne Stirnlampen laufen konnten. An einigen Treppenabsätzen war der Schattenfall der Lampen etwas tricky, doch ich habe mich immer mit der rechten Hand am Geländer festgehalten und runter wie rauf immer zwei Stufen auf einmal genommen.

Vor 12 Jahren haben sie gemeinsam als Team die Treppe bezwungen, Mirco und Felix. Foto: René Nicolai, www.nicolai24.de

Ein wenig sieht man an meinen Haaren, wie windig es war. Foto: René Nicolai, www.nicolai24.de

Die Stunden flogen nur so dahin: Laufen, Anfeuern, die Teamkameraden auf die Strecke schicken, auf der Rolle in eine warme Jacke gehüllt radeln um den Puls oben zu halten. Und zwischendurch blieb immer noch Zeit für einen Schluck Tee und ab und zu eine Salzstange oder etwas Süßes.

Oben, auf dem Dach der Welt. Gebetsfahnen wie in Tibet. Foto: Uta Heydrich

Am Fuß der Treppe mussten wir eine kleine Runde laufen, bevor es wieder nach oben ging. Foto: René Nicolai, www.nicolai24.de

Was sich hier so einfach runterschreiben lässt, das war schon ziemlich anstrengend. Ich habe einfach versucht, jede Runde so schnell wie möglich zu laufen. Bergab habe ich möglichst zügig in meinen schnellen 2-Stufen-Modus zu finden und bergauf kontinuierlich die gesamte Treppe im schnellen Wanderschritt zu nehmen.

Bergab: Regen, bergauf: Sonne. Was das Wetter anging, war alles dabei! Foto: René Nicolai, www.nicolai24.de

Schon wieder Regen, schon wieder Graupel! Dieses Bild sagt mehr als 1000 Worte. Foto: René Nicolai, www.nicolai24.de

Wir hatten bereits eine beträchtliche Anzahl an Höhenmetern erreicht und der frühe Morgen brachte neben Kälte auch noch einen wilden Mix aus Aprilwetter mit sich. Je näher wir dem Gipfel des Mt. Everest kamen, um so widriger wurden die Wetterbedingungen und ich musste auch zwei Mal bei Graupelschauer auf meine Runde. Doch wenn danach die Sonne wieder schien, die glatten Treppenstufen trockneten und der Blick in die Ebene frei wurde – das war einfach nur herrlich! Und da waren sie auch wieder, diese Momente bei denen man nur bei sich ist, die Welt ausblenden kann und als einzige Aufgabe das Laufen und das Überwinden der Höhenmeter ansteht.

Mirco ging es zwischenzeitlich nicht ganz so gut, aber auch die anderen Teams hatten Probleme. Beim ersten Blick auf die Tabelle der 24 gestarteten Seilschaften waren wir auf Platz 10. Zwischenzeitlich hatten wir uns auf Platz 6 vorgearbeitet und auf den letzten Runden war es nochmal ein richtiger Krimi geworden! Die Treppe wurde merklich leerer, da einige Läufer aufgeben mussten oder immer längere Pausen machte, somit mussten wir seltener Überholmanöver einbauen und ich konnte in meinem Wunschtempo die Treppe viel gleichmäßiger nehmen.

Uta, eine Freundin aus München mit Dresdener Wurzeln ist in diesem Wetterchaos mit dem Fahrrad zu uns nach Radebeuel gekommen und hat die letzten Stunden des Laufs mit uns mitgefiebert, die aktuelle Rangliste ausgewertet und tolle Bilder gemacht. All unsere Familien waren ebenfalls an der Strecke und haben uns kräftig angefeuert. Das war ein großartiges Erlebnis!

Kleine Augen, Müdigkeit und die liebe Uta (links) hat uns mit Pfefferminztee und Knusperflocken versorgt! Herrlich! Foto: Günter Franke

Nach 13 Stunden und 46 Minuten hatten wir es gemeinsam geschafft! Wir sind auf der Höhe des Mt. Everest angekommen und haben sogar als 4. Team in der Gesamtplatzierung und als schnellstes Mixed Team den Treppenmarathon gefinisht!

Yes! Wir haben es geschafft!! 13:46 Stunden hat es gedauert, bis wir den Mt. Everest bezwungen hatten. Foto: Uta Heydrich

Glückliche Finisher! Foto: Uta Heydrich

Das war wirklich ein besonderer Lauf! Die Mehrzahl der angetretenen Extremsportler waren, wie Mirco, zum wiederholten Mal dabei. Die Spitzhaustreppe scheint süchtig zu machen und auch wir vergessen all zu schnell die Anstrengungen bergauf und denken bereits über eine Wiederholung nach.

Unsere Finisher Medaille. Foto: Uta Heydrich

Und was bleibt? Ein riesiger Berg Wäsche, die Angst vor dem Termin beim Physiotherapeuten und durch das mehr als 13 Stunden dauernde Intervalltraining eine perfekte Grundlage für die kommende Saison. 🙂

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