Transalpine Run Etappe 7 – Heaven and Hell

An jedem Tag des Transalpine Runs haben wir Läufer gesehen, die sich mit abwaschbaren Tattoos auf Armen oder Beinen motivierende Slogans aufmalen ließen. Vielleicht sind euch diese Tattoos auch schon aufgefallen, wenn ihr nach den Bildern des Tages auf der Facebook Seite des Transalpine Runs geschaut habt.

Foto: Schneider Outdoor Visions

Foto: Schneider Outdoor Visions

Ein äußerst beliebter Spruch lautete „Heaven and Hell“. Damit wurde nicht auf das gleichnamige Album von Black Sabbath angespielt, der Hintergrund war ein ganz anderer: Im Jahr 2012 haben die Filmemacher Miriam Jakobs und Gerhard Schick eine 60 minütigen Dokumentation namens „Heaven and Hell“ gedreht. Darin werden zwei Teams während des GORE-TEX® Transalpine-Run begleitet, der als eine der größten Herausforderungen für Trail- und Bergläufer gilt. In sieben Tagen überqueren um die 300 Zweier-Teams aus der ganzen Welt jeweils Anfang September den Alpenhauptkamm und legen dabei täglich über 30 Kilometer und im Durchschnitt circa 2000 Höhenmeter zurück.

„HEAVEN & HELL“ zeigt aus Sicht der beiden Teams in eindrucksvollen Bildern und emotionalen Geschichten die Faszination des TAR in allen Facetten: Die Strapazen der langen An- und Abstiege, der Kampf mit Hitze, Regen und Kälte, aber auch die Magie der Berge, der Spaß beim Laufen auf wunderschönen Bergpfaden oder den Flair eines internationalen Events mit Läufern aus über 25 Ländern.

Neben den großartigen Aufnahmen sind es vor allem die persönlichen Momente, die diese Dokumentation auszeichnen: Der Kampf mit sich selbst und dem Teampartner, das Ausloten der eigenen Grenzen, der permanente Wechsel von Glücksgefühlen und Niedergeschlagenheit, von Begeisterung und Erschöpfung oder gar Schmerzen, von Lachen und Weinen – all jene Intensität, die nur ein mehrtägiger Teamwettbewerb in den Alpen mit sich bringen kann und die den TAR so einzigartig macht.

Und genau dieser Hintergrund wurde uns so richtig bewusst, als wir uns etwas wehmütig, aber glücklicherweise immer noch gesund, am siebenten Tag in die Startaufstellung einreihten und die letzte Etappe mit festem Willen um 8.30 Uhr auf den „Highway to hell“ ging. Die letzten 34 Kilometer von Sarnthein nach Brixen galt es gemeinsam in Angriff zu nehmen.

Die ersten Kilometer waren dabei ein regelrechtes „Wühlen“, nämlich von ganz hinten bis in die Mitte des Feldes. Wir hatten vor dem Start etwas rumgetrödelt und dann haben die wichtigen Besorgungen am Zelt der Medical Crew auch noch unerwartet mehr Zeit gefressen. Aber wenn zwei große Blasenpflaster und eine Tablette gegen Sodbrennen den Unterschied machen, ob wir uns durch den Tag quälen müssen oder gut in Brixen ankommen, dann ist das eben so. Dementsprechend spät sind wir in die Startaufstellung gerückt, nach einem schnellen Selfie ging es auch schon auf die Strecke.

Bereits nach knapp einem Kilometer liefen wir an Schloss Reinegg vorbei und danach folgte ein schmaler Anstieg. Ich meine wirklich schmal, denn wir zwei haben gerade so nebeneinander auf den Weg gepasst. Und an diesem steilen Engpass hieß es erst einmal warten. Ja, wir haben uns ein bisschen genervt angeschaut, da wir an dieser Passage ziemlich viel Zeit verloren haben und es nun mehr kaum erwarten konnten, auf den finalen Kilometern unserem Ziel entgegen zu laufen.

Nachdem wir den Singletrail passiert hatten und uns auf einer Forststraße befanden, hat Mario ordentlich Druck gemacht und wir haben uns Stück für Stück in die Mitte des Feldes geschraubt. Aber der Anstieg ging weiter und zog sich 15 Kilometer bis auf über 2.000 m Höhe hin. Wir sind dabei mehrere Kilometer an einem wunderschönen Fluss entlang gelaufen. Was für Kräfte noch in Mario schlummerten wird wahrscheinlich erst deutlich wenn ich euch erzähle, dass er mir angeboten hat am letzten Tag alleine einen Rucksack mit der Pflichtausrüstung, der Verpflegung und dem Wasservorrat für uns beide zu tragen und ich ohne Laufrucksack den letzten Tag des TAR bestreiten konnte. Nach einigem Zögern, da ich ja auch ehrlicherweise ein stolzer Mensch bin, habe ich dann doch ziemlich erleichtert zugestimmt.

Traumhafte Trails und Höhenwege gab es auch auf der finalen Etappe. Hinter uns sind die Dolomiten.

Traumhafte Trails und Höhenwege gab es auch auf der finalen Etappe. Hinter uns sind die Dolomiten.

Hier durften wir laufen! In Wirklichkeit war es viel schöner, als Handybilder es einfangen können...

Hier durften wir laufen! In Wirklichkeit war es viel schöner, als Handybilder es einfangen können…

Nach dem Motto der Woche “viel und von allem“ wurden wir auch am letzten Tag belohnt: Wir blieben bis Kilometer 30 auf über 2.000 m Höhe und konnten dadurch traumhafte Panoramen genießen. Die Dolomiten, genauer gesagt der Langkofel und die Sellagruppe, waren plastisch direkt neben bzw. vor uns. Auch die drei Zinnen, das Wahrzeichen der Dolomiten, konnten wir förmlich greifen.

Was sich jetzt so easy liest, das war es in Wirklichkeit nicht. Denn die Tails und Höhenwege dort oben in der gleißenden Sonne waren zwar wunderschön, doch technisch anspruchsvoll zu laufen. Ein falscher Tritt und es geht mit dem roten Hubschrauber nach Brixen.

Und dann kam nach 30 Kilometern unsere „Hölle“ – ein steiler Downhill von mehr als 6 Kilometern bis ins Ziel nach Brixen. Eigentlich liebe ich diese fluffigen italienischen Teppichboden-Waldtrails. Aber unsere Knie und Fußgelenke waren nach 6 Tagen mit reichlich Höhenmetern bereits etwas beleidigt.

Dieser letzte Abstieg nach Brixen wurde nur noch durch die letzte Verpflegungsstation fünf Kilometer vor dem Ziel unterbrochen. An der Station stand Kathrin Schichtl mit Ihrem Partner und Freund weinend mit gerissenem Außenband. Sie hatte sich bereits tapfer drei Kilometer bis zur Verpflegung durchgekämpft, um von dort aus die letzten Kilometer mit Verband ins Ziel herunter zu humpeln. Kati, du hast unseren größten Respekt und wir hoffen sehr, dass du dich richtig schnell wieder erholst!

Mit jedem Kilometer rückte unser „Himmel“ immer näher, das hart erkämpfte Ziel – Brixen. Unglaublich und fast nicht zu realisieren war der Moment, als wir das mehrsprachige Ortseingangsschild hinter uns gelassen hatten. Nach der Brücke zur Altstadt und einen Kilometer vor dem Ziel haben wir mit Pippi in den Augen die Faust geballt. ALLES, die Anstrengung, die Schmerzen, die vielen Kilometer und Höhenmeter waren weg und was bleibt ist pure Freude und riesiger Stolz!

 

Wir sind gerannt, gerannt, gerannt und waren nach über 250 Kilometern und über 15.000 Höhenmetern, je im Auf- und Abstieg, als Team unverletzt und gemeinsam im Ziel angekommen – unbeschreiblich!

Unser Zieleinlauf auf der finalen Etappe von Sarnthein nach Brixen. Was für ein Moment!

Unser Zieleinlauf auf der finalen Etappe von Sarnthein nach Brixen. Was für ein Moment!

Wir haben es geschafft und sind als Team gemeinsam in Brixen angekommen!

Wir haben es geschafft und sind als Team gemeinsam in Brixen angekommen!

ziel-happy

Die Daten der letzten Etappe des TAR: 36,52 km, 1.947 m im Auf- und 2.312 m im Abstieg.

Jetzt müssen wir erstmal runterkommen und alles realisieren.

Im Ziel sind bei mir ordentlich die Tränchen gekullert. Es war ein sehr emotionaler Moment, nach sieben Etappen in Brixen anzukommen.

Im Ziel sind bei mir ordentlich die Tränchen gekullert. Es war ein sehr emotionaler Moment, nach sieben Etappen in Brixen anzukommen.

Überglücklich und stolz haben wir unsere Finisher Medaillen entgegen genommen.

Überglücklich und stolz haben wir unsere Finisher Medaillen entgegen genommen.

Wir hatten Phasen in denen eigentlich nichts mehr ging. Und dann ging mit eurer Unterstützung dann doch noch eine ganze Menge! Ein großes Dankeschön an Euch alle für die Unterstützung und Motivation! Und jetzt haben wir beide wieder Tränen in den Augen. Denn genau das ist unser Ding: „Heaven and Hell“ …

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